Zielgruppe

Die Zielgruppe der Arbeit von Distanz e.V. sind Jugendliche, die verstärkt mit diskriminierenden Einstellungen und Verhalten auffallen und erkennbar mit demokratiefeindlichen Ideologien sympathisieren bzw. sozial in ein entsprechendes Umfeld eingebunden sind. Die Zielgruppe ist in sozial schwachen Milieus, wie auch in der Mitte und des sozialgehobenen Milieus, zu finden. Während die Zielgruppe der sozial-benachteiligten Jugendlichen häufig aus einem Risikokontext kommt und zudem meist bereits mit ersten Straftaten auffällt, ist die Zielgruppe der sozial-integrierten Jugendlichen schwerer zu identifizieren. Diese Gruppe kommt aus stabilen familiären Verhältnissen und weist einen mittleren bis höheren Schulabschluss auf. Infolge der medialen Aufladung des Themenkomplexes Flucht und Migration in den letzten Jahren können diese Jugendlichen darauf bauen, dass sich (tendenziell) menschenfeindliche Positionen gesellschaftlich etabliert haben. Beide Zielgruppen bedürfen einer gesonderten Ansprache.

In einigen Regionen Deutschlands dominiert das rechtsextrem geprägte jugendkulturelle Szeneangebote den Alltag der Jugendlichen. Neben innerfamiliären Risikofaktoren stellen hier sogenannte Gelegenheitsstrukturen der Radikalisierung, einen Gefährdungsfaktor dar, der sich in einer zunehmenden Normalisierung von Gewalt und rechtsextremen Inhalten in der Öffentlichkeit äußert.

Rechtsrockveranstaltungen, regelmäßig stattfindende Demonstrationen sowie die Einflussnahme von Rechtsextremen auf Sportvereine und andere jugendrelevante Treffpunkte stellen neben den virtuellen Versammlungsorten im Internet ein hohes Gefährdungspotential dar. Zu dieser Welt heißt es online wie offline einen Zugang zu bekommen. Wir unterscheiden die gefährdeten Jugendlichen in zwei Zielgruppen.

Zielgruppe der sozial-benachteiligten Jugendlichen

Junge Menschen aus sozial schwachen Milieus haben vermehrt mit einer ausgeprägten Verwahrlosungstendenz zu kämpfen, die sozioökonomisch wie sozialpsychologisch bedingt ist, verbunden mit einer hohen Sucht- und Gewaltlatenz. So werden in der stationären und ambulanten Jugendhilfe sowie im Förderbereich der Schulen immer wieder Heranwachsende mit rechtsextremen Tendenzen oder impulsiven abwertenden Neigungen auffällig. Hier ist von einer hohen Gefährdungslage in Bezug auf eine Radikalisierung auszugehen, da Risikofaktoren wie Familienbrüche, sozial, physisch, psychisch oder durch Drogenmissbrauch beeinträchtigte (u.a. rechtsextreme) Eltern sowie Gewalt- und Verachtungserfahrungen und erste Strafauffälligkeiten hinzukommen. Diese Ausgangslage führt dazu, dass die rechtsextrem gefährdeten und orientierten Jugendlichen häufig nicht mehr den Herausforderungen entsprechend betreut werden. Erzieher*innen im Jugendhilfebereich sowie die (Schul)Sozialarbeit haben aus diesen nachvollziehbaren Gründen einen erhöhten Beratungsbedarf und leiden nicht selten an Überforderung und Unsicherheit.

Zielgruppe der sozial-integrierten Jugendlichen

Stabile familiäre Verhältnisse und die sichere Aussicht auf einen (höheren) Schulabschluss sind keineswegs eine Garantie für die Entwicklung einer demokratischen und menschenfreundlichen Grundhaltung. Spätestens seit 2015 ist Rassismus eine omnipräsente Option der politischen Positionierung. In Zeitungen und im Fernsehen wurden die Themen Flucht und Migration ausführlich diskutiert und rassistischen Positionen dabei zunehmend Raum gegeben. Im Internet wurde die Sichtbarkeit rassistischer Positionen in den Medien durch die wildesten Gerüchte und Fake News flankiert. Insbesondere Jugendliche mit einem durch Eltern oder Schule vermittelten Interesse an Politik und Gesellschaft kommen also seit 2015 verstärkt mit rassistischen Einstellungen in Kontakt und lernen diese kennen. Die intensive Diskussion in der Öffentlichkeit und die schrillen Zurufe vom extrem rechten Rand haben den Rahmen des Sagbaren und Machbaren erweitert. Rassistische Abwertung und Hass auf Geflüchtete sind kein Tabu mehr.

So bleibt es nicht aus, dass Jugendliche auch diese politischen Positionen austesten, um ihre Identität zu entwickeln. Dazu zählen neben Musik, Selbstinszenierung über Marken u.a. auch ideologische Weltanschauungen. Die rechtsextreme Szene hält dabei für verschiedene Bildungsniveaus auch verschiedene Angebote entsprechender Haltungen bereit. Von Verschwörungstheorien über den Zweiten Weltkrieg bis zu rechtsintellektuellen Konzepten wie dem Ethnopluralismus.

Nicht zuletzt bieten rechtsextreme Ideologien auch eine Rechtfertigung für die Ausübung von Gewalt gegen bestimmte Personen. Jugendliche, in deren Familien Gewalt keine Form der Konfliktbewältigung darstellt, werden an gewaltvolles Handeln herangeführt, indem sie ideologisch ermutigt werden und ihnen eine politische Rechtfertigung an die Hand gegeben wird. Während bei Jugendlichen aus einer sozial-benachteiligten Zielgruppe eher impulsive Gewaltausbrüche zu beobachten sind, praktizieren Jugendliche aus sozial-integrierten Zielgruppen teilweise eine instrumentelle Gewalt. Beispielsweise werden gezielt Mitschüler*innen mit Migrationsgeschichte gemobbt, beleidigt, provoziert und geschlagen, weil es als ideologisch gerechtfertigt erscheint. Da diese Aktionen nicht impulsiv ausgeübt werden, sondern geplant, bleiben sie Lehrkräften auch eher verborgen. Hier ist besondere Sensibilität gefragt, damit der Blick nicht alleine bei jenen haften bleibt, die nie gelernt haben, ihr Verhalten zu kontrollieren oder ihre inhaltliche Positionierung nur mit Bedacht zu äußern.